Handelsblatt, 19.10.2011
Der Kampf ums schwarze Gold
Der Kauf des Energieunternehmens El Paso für mehr als 21 Milliarden Dollar zeigt, wie dramatisch sich der Energiemarkt in den USA wandelt. Es tobt ein Kampf um gigantische Öl- und Gasvorkommen in Schieferstein.
Der Ölboom in Amerika hat einen Namen: Oklahoma-City. Das sieht man auch an dem neuen Hochhaus mit mehr als 50 Stockwerken, das in der Hauptstadt vom US-Bundesstaat Oklahoma gebaut wird. Hier entsteht der Konzernsitz von Devon Energy, vor wenigen Jahren nur ein kleiner Anbieter im Ölgeschäft von Amerika. Doch heute ist es mit einem Börsenwert von rund 25 Milliarden Dollar der größte unabhängige Ölproduzent der USA. Zu verdanken ist das dem Kauf eines großen Ölschiefervorkommens, den Devon vor zehn Jahren tätigte.
Damals schüttelte man den Kopf. Öl und Gas in Schiefergestein ist schwer zu fördern. Doch große Fortschritte in der Bohrtechnik ermöglichen heute einen Abbau der Vorkommen, der sich beim Ölpreis von mindestens 40 Dollar je Barrel lohnt. Derzeit liegt der Marktpreis mehr als doppelt so hoch.
Nach Angaben des US-Energieministeriums belaufen sich die Landesvorkommen auf sechs Billionen Barrel. Davon sind 1,5 bis zwei Billionen Barrel wirtschaftlich verwertbar - immerhin fünfmal so viel, wie Saudi Arabien offiziell an Reserven besitzt. In ihrer jüngsten Studie prognostiziert die Investmentbank Goldman Sachs, dass Amerika bereits 2017 Russland den Rang als größter Nicht-Opec-Ölproduzent ablaufen könnte.
Welch große Rolle Öl und Gas aus Schiefer in den USA spielen, zeigt die Übernahme des Pipelinekonzerns El Paso für 21,5 Milliarden Dollar. Mit dem Kauf wettet Kinder Morgan auf Öl- und Gasschiefer, das zum großen Teil durch die Rohrleitungen von El Paso transportiert wird. Vergangenen Montag legte der norwegische Konzern Statoil 4,4 Milliarden Dollar für Brigham Exploration auf den Tisch, das große Ölschiefervorkommen in den USA besitzt.
Diese Beispiele zeigen den M&A-Boom im US-Energiesektor. Nach Angaben von Beratungsunternehmen Deallogic wurden in den vergangenen zwei Jahren Deals im Wert von 292 Milliarden Dollar geschlossen - nicht selten für Öl- und Gasvorkommen in Schiefer: "Für die großen Konzerne sind sie attraktive Akquisitionsziele", sagt Steve Haffner, von der Beratungsfirma Pricewaterhouse-Coopers.
Das in Schiefer gefangene Öl ist geologisch gesehen jünger als herkömmliches Erdöl. Das sogenannte Kerogen ist von geringerer Qualität, kann aber gut in Kerosin, Diesel und andere hochwertige chemische Stoffe gewandelt werden. Weltweit soll es 2,6 Billionen Barrel verwertbares Schieferöl geben, davon liegen zwei Billionen Barrel in den USA.
In einem Bericht an die US-Regierung schätzte kürzlich ein Expertenpanel die Ölschieferproduktion optimistisch ein. Derzeit produzieren die USA 600 000 Barrel pro Tag. Die Fördermenge könnte bis 2035 auf bis zu drei Millionen Barrel steigen - so viel, wie derzeit Venezuela produziert. Zusammen mit anderen unkonventionellen Vorkommen wie Ölsand könnte Amerika nach der Prognose von Goldman Sachs 10,9 Millionen Barrel pro Tag fördern. Damit könnten die USA mehr als die Hälfte des Konsums aus eigenen Kräften stemmen. "Das Potenzial ist atemberaubend", sagt Andrew Slaughter, der für den Ölgiganten Shell in der Kommission für die US-Regierung saß.
Schiefergestein hilft US-Wirtschaft.
Noch bedeutsamer für den US-Energiemarkt ist das in Schiefer gefangene Erdgas. Vor kurzem setzte das US-Energieministerium seine Schätzung des verfügbaren Vorkommens von zehn Billionen Kubikmetern auf 23,4 Billionen Kubikmeter hoch. Derzeit stammen 14 Prozent der gesamten Gasförderung aus Schiefergestein, 2035 sollen es 45 Prozent sein.
Der Boom hat Folgen für die gesamte amerikanische Wirtschaft. Im sogenannten Rostgürtel von Amerika lohnt sich wieder die Stahlproduktion, weil preiswertes Erdgas zur Verfügung steht. Daher bauen Chemiekonzerne wie Dow Chemical ihre Fertigungsstätten am Golf von Mexiko und nicht mehr im Ausland. "Amerikanische Öl- und Gasproduzenten haben dem Land ein Geschenk des Himmels gebracht: 100 Jahre Erdgasversorgung", sagt Andrew Liveris, Vorstandschef von Dow Chemical.
Mit einer Arbeitslosenrate von 9,1 Prozent kämpft Amerika mit Problemen. Eine der wenigen Ausnahmen: Der Energiesektor. Allein in der Öl- und Gasproduktion entstanden im vergangenen Jahr 17 000 Stellen. Manche sagen sogar eine Renaissance der verarbeitenden Industrie in den USA vorher. Der niedrige Gaspreis hat nach Aussage der Chemievereinigung American Chemistry Council (ACC) große Auswirkung auf die Wertschöpfungskette Amerikas, gar die Autoindustrie würde davon profitieren. Denn nicht wenige Bauteile vom Auto sind aus Plastik, die sich mit preiswertem Erdgas wieder in den USA herstellen lassen.
(Thomas Jahn, New York)
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